Große Veränderung ist möglich – 7 soziale Auswirkungen von Ultimate Frisbee

0 Kommentar

Vor sieben Monaten habe ich damit begonnen, Ultimate-Frisbee-Gruppen unter Kurden und geflüchteten Jesiden im Nordirak zu starten. Ich hatte gehofft, damit ein wenig ihren Alltag verbessern und zudem am sozialen Miteinander arbeiten zu können. Diese Erwartung ist bei weitem übertroffen worden; ich schaue zurück und bin begeistert, wie besonders in zwei Dörfern die Kinder und Jugendlichen wie Feuer und Flamme für den Sport sind – und wie der Sport ganz deutlich ihr soziales Verhalten prägt und verändert.

Die folgenden Zeilen wirken womöglich wie ein großes Eigenlob. Das ist aber nicht meine Absicht – ich habe in den letzten Monaten viele Fehler gemacht. Aber ich will hier ganz bewusst nicht diese Fehler, sondern die Erfolge der letzten Monate dokumentieren. Ich hoffe, dass diese Beschreibung von sieben Aspekten sozialer Veränderung andere zu ähnlichen Arbeiten und Projekten motiviert.

1. Keiner wird ausgeschlossen

Auf der Frisbee-Scheibe, die ich für meine Arbeit hier habe drucken lassen, steht es in kurdischer und englischer Sprache geschrieben: „Heiße jeden willkommen!“ Ich habe das zusammen mit meinen Co-Trainern von Anfang an versucht, vorzumachen. Bevor wir im November letzten Jahres die Gruppen gestartet haben, haben wir eine Altersgruppe festgelegt, sind in die jeweiligen Dörfer gegangen und haben Kinder bzw. Jugendliche eingeladen.

Auf unseren Frisbees steht es klar: Welcome everyone!

Immer wieder kamen dort dann Erwachsene auf uns zu und meinten: „Den müsst ihr unbedingt auch mit dabei haben, der ist ein ganz starker Sportler.“ Wir haben dann immer deutlich gemacht, dass es uns nicht um sportliche Fähigkeiten geht; jeder und jede, der und die mitmachen will – und das passende Alter hat – ist willkommen. Hier im Nordirak sind die wenigen Sportgruppen und –vereine, die es gibt, stark auf Leistung ausgelegt; wer gut ist, der darf mitmachen, fällt die Leistung ab, droht der Ausschluss. Das prägt das Denken der Menschen hier offensichtlich sehr stark.

Und diese Einstellung setzt sich auf dem Sportplatz fort. Zu Beginn sind dauernd Kinder zu mir gekommen und haben gesagt: „Der ist schlecht, kann nicht werfen“ und ähnliches. Mir wurde schnell bewusst, dass sie damit indirekt fordern, dass ich die „schlechten Spieler“ ausschließe. Ich habe dann geantwortet: „Wenn jemand noch nicht richtig werfen kann, dann zeige es ihm doch. Wir sind alle Anfänger und lernen zusammen.“

Mittlerweile hat sich diese Einstellung in unseren Gruppen durchgesetzt. Außerdem haben sich viele vermeintlich „schlechte Spieler“ zu ziemlich guten Spielern entwickelt. Ich muss besonders an einen schüchternen Jungen denken, der offensichtlich beim täglichen Straßenfußball ausgeschlossen wird. Zu Beginn wurde er dauernd von anderen Kids angeschrien und beschimpft, wenn er die Frisbee nicht gefangen oder einen Fehlpass gemacht hat. Aber er hat die Unterstützung und den Schutz von uns Trainern gespürt, was ihn – so meine ich zumindest – motiviert hat, nicht aufzugeben. Mittlerweile ist er einer der besten Fänger und Verteidiger – und arbeitet hart am Werfen.

Registrierung von Kindern und Jugendlichen vor einem ersten Training

2. Eigenverantwortung wird wahrgenommen

Ich bin es mehr und mehr leid, Fußball zu schauen. Die Spieler geben dort Verantwortung an den Schiedsrichter ab. Dass in Interviews nach dem Spiel Sätze wie „wir haben nur auf Grund von Fehlentscheidungen des Schiedsrichters verloren“ fallen, sind eine Konsequenz daraus. Es sind leider ziemlich schlechte Vorbilder, die Kindern dort präsentiert werden, wenn am Dienstag- und Mittwochabend mal wieder weltweit die Champions-League übertragen wird.

Bei Ultimate Frisbee fallen solche Sätze nicht, weil es schlichtweg keinen Schiedsrichter gibt. Stattdessen machen wir den Kids klar: „Ihr seid selber dafür verantwortlich, ein Foul oder eine andere Regelverletzung anzuzeigen.“

Zusätzlich zu der individuellen Verantwortung versuchen wir aber auch die Verantwortung als Gruppe zu betonen. Denn häufig macht sich das Gefühl breit: „Ich habe mich an alle Regeln gehalten und habe fair gespielt – mein Mitspieler aber hat es verbockt.“ In solchen Fällen versuchen wir zu antworten: „Es hilft nichts, die Verantwortung für negative Erfahrungen an andere abzuschieben. Letztendlich seid ihr alle zusammen dafür verantwortlich, dass ein Spiel fair abläuft.“

An einem Tag ist den Kindern eines Dorfes diese Gruppenverantwortung besonders deutlich geworden. Ich musste das Training zum ersten Mal ohne meinen lokalen Helfer durchführen. Zunehmend haben einige Jungs mit Schimpfwörtern um sich geworfen, die ich mit meinem gebrochenen Kurdisch nur selten erkannt habe und somit nicht wirklich darauf reagieren konnte. Am Ende meinten einige Kids: „Das war diesmal kein schönes Training, weil du alleine warst und das schlechte Verhalten nicht bestraft hast.“

Beim nächsten Mal habe ich zusammen mit meinem Helfer klar gemacht: „Als 13 und 14 jährige Teenager solltet ihr in der Lage sein, selber für ein gutes Miteinander zu sorgen. Gebt nicht die Verantwortung für ein gelungenes Training an uns Leiter ab.“

Nicht alleine der Leiter ist verantwortlich, sondern die gesamte Gruppe

3. Das Erheben der eigenen Stimme wird geübt

Unsere Kinder und Jugendlichen haben schnell verstanden, dass es bei Ultimate Frisbee keinen Schiedsrichter gibt und man Fouls selber anzeigen muss. Das hat jedoch dazu geführt, dass einige wenige andauernd ihre Stimme erhoben haben, während der große Rest – die eher schüchternen und zurückhaltenden Spieler – Fouls hingenommen und geschwiegen hat. Es hat mehrere Monate gedauert, bis wirklich alle Vertrauen gefunden haben, das Spiel zu unterbrechen und ein Foul anzuzeigen.

Dieses Stimme-Erheben lässt sich jedoch einüben. Wenn jemand ein Foul angezeigt hat, bin ich in den ersten Wochen zusammen mit meinen einheimischen Helfern immer als Moderator aufgetreten. Wir haben dann geordnet die einzelnen Spieler darum gebeten, die Situation aus ihrer Perspektive zu beschreiben. Zunächst war der Gefoulte an der Reihe, dann der – vermeintlich – Foulende. Falls sich beide uneinig waren, haben wir Spieler befragt, die sich in der Nähe des Geschehens befunden haben: „Hast du gesehen, was passiert ist? War es deiner Meinung nach ein Foul?“

Es ist wertvoll, in einem solchen geschützten Rahmen zu erfahren, dass die eigene Stimme zählt, wertgeschätzt wird und unter Umständen sogar Auswirkungen auf das Spiel hat – und dass es in Ordnung ist, mit guten Gründen jemandem auch mal zu widersprechen.

Aber auch außerhalb von Fouls und Regelverletzungen gibt es bei Ultimate Frisbee viele Gelegenheiten, die eigene Stimme zu erheben. Da es sich um ein sehr taktisches Spiel handelt, in dem die gesamte Mannschaft zusammenarbeiten muss und sich andauernd Positionen und Zuteilungen ändern, ist es wichtig und von großem Vorteil, wenn man Anweisungen gibt und kommuniziert.

So sollte beispielsweise jeder Verteidiger laut „UP!“ rufen, wenn ein Gegenspieler einen langen Wurf in Richtung Endzone gemacht hat. Denn häufig stehen die anderen Verteidiger mit dem Rücken zu dem Werfer und der Frisbee-Scheibe und bekommen einen solchen langen Wurf nicht mit. Es mag eine Kleinigkeit sein, aber ich bin sicher, dass das Einüben von solchen kleinen Rufen und Anweisungen auf Dauer große Auswirkungen hat.

Mit einem lauten „UP!“ hilft der Verteidiger den Teamkollegen

4. In Konfliktsituationen wird ruhig und konstruktiv kommuniziert

Zu Beginn haben nicht nur immer die gleichen Spieler ihre Stimme erhoben, sondern dabei zusätzlich laut und wütend geschrien. Klar – während eines Matches sind die Kids voll Adrenalin, es gilt schließlich zu gewinnen. In dieser Situation abrupt stehenzubleiben, ruhig zu erläutern, warum es sich um ein Foul gehandelt hat und dann auch noch auf Perspektiven von anderen zu hören – dabei handelt es sich wahrlich um eine anspruchsvolle Leistung.

Aber Übung macht den Kommunikations-Meister. Seit sieben Monaten sagen wir den Kindern und Jugendlichen immer das gleiche: „Sag es noch einmal – diesmal aber ruhig, ohne Wut und ohne zu schreien.“ Bestimmt wird es auch noch die nächsten Monate, vielleicht sogar Jahre nötig sein, sie daran zu erinnern. Aber schon jetzt haben alle Spieler das ganz laute, wütende Anschreien des Gegenspielers abgelegt.

Uns geht es aber nicht nur um ruhige, sondern zusätzlich auch um konstruktive Kommunikation. Das fängt damit an, nicht nur die eigene Perspektive zu beschreiben, sondern auch dem anderen zuzuhören. Wenn dieser andere dann widerspricht, indem er beispielsweise sagt: „Ich glaube nicht, dass ich dich gefoult habe“, wird es richtig interessant. Dann muss nämlich eine Lösung gefunden werden. Hilfreich kann es dabei wie schon erwähnt sein, die Perspektive von anderen anzuhören. Schafft auch das keine Klarheit, besteht der gewöhnliche Kompromiss darin, die Frisbee-Scheibe an den Werfer zurückzugeben.

Insgesamt sollten die Spieler aber auch darauf achten, dass die Spielunterbrechung nicht zu lange dauert, immerhin warten 12 andere Spieler darauf, dass es weitergeht – eine zusätzliche Herausforderung.

Nach sieben Monaten Training ist die Kommunikation unter unseren Spielern alles andere als perfekt. Aber selbst bei den Profis kommt es oft zu Konflikten und Unstimmigkeiten, die nicht ganz aufgelöst werden. Insgesamt bin ich stolz auf unsere Spieler, wie sich ihre Art zu kommunizieren innerhalb kurzer Zeit gewandelt hat.

Kommunikation zu Beginn: „Seid ihr bereit?“

5. Es wird zusammen und nicht gegeneinander gearbeitet

Eine weitere Eigenschaft, die mir gut an Ultimate Frisbee gefällt: Es handelt sich um einen Teamsport im wahrsten Sinne des Wortes. Während sich im Fußball immer wieder einzelne Spieler besonders hervortun, kommt das bei Ultimate viel weniger vor.

Das hat grundsätzlich mit dem Fakt zu tun, dass man im Fußball theoretisch ganz alleine ein Tor schießen kann; bei Ultimate dagegen braucht es für einen Punktgewinn mindestens zwei, einen Werfer und einen Fänger.

Doch auch darüber hinaus ist die Kooperation im Team von enormer Bedeutung. In einer der ersten Trainingseinheiten versuchen wir den Kids beizubringen: „Sehr häufig werdet ihr nicht die Scheibe fangen und trotzdem einen entscheidenden Anteil an einem Punktgewinn haben.“ Man hilft seinem Team beispielsweise enorm, indem man einen bestimmten Bereich auf dem Feld freimacht – und dabei einen Verteidiger mit sich zieht. In der Folge kann ein Mitspieler in den frei gewordenen Raum laufen und dort die Frisbee fangen.

Es macht deshalb auch Sinn, wenn nach einem Punktgewinn alle Teammitglieder zusammen feiern und gegenseitig abklatschen – selbst wenn nur zwei Spieler die Frisbee berührt haben. Jeder hatte durch seine Bewegungen auf dem Feld Einfluss auf den Punktgewinn. Folgerichtig sollte aber auch der Scorer, also derjenige, der die Frisbee gefangen und den Punkt gemacht hat, sich nicht zu sehr auf seine eigene Leistung einbilden.

Was für kleine Lebenslektionen in dieser Erfahrung auf dem Sportplatz enthalten sind, Lektionen der Demut, der Unterstützung und der Kooperation!

Freude über den Punktgewinn – und über das gesamte Team

6. Lob ersetzt das Schimpfen

Wo Zusammenarbeit und Kooperation viel hilft, da ist man im Umkehrschluss auch viel auf seine Mitspieler angewiesen – eine weitere Herausforderung.

Besonders die athletischen und sportlichen Teilnehmer unserer Gruppen sind mit der Erfahrung, die sie aus jahrelangem Fußballspielen auf dem Dorfplatz gesammelt haben, in unsere ersten Trainingseinheiten gekommen. Diese Erfahrung lehrt, dass sehr viel von ihrer eigenen sportlichen Leistung abhängt. Ich beobachte es immer wieder: Es gibt wahrscheinlich auf jedem staubigen Dorfplatz dieser Welt diese kleinen Lionel Messis, die sich den Ball an der Torauslinie schnappen, über den gesamten Platz dribbeln und ein Tor schießen – und dafür Lob und Anerkennung finden.

Genau diese talentierten Individualsportler sind plötzlich abhängig; sie sind abhängig von anderen, die auf dem Fußballplatz eher als Statisten herhalten mussten. Denn selbst die schönsten Würfe müssen im Ultimate Frisbee von jemandem gefangen werden; und selbst die schönsten Läufe in den offenen Raum benötigen einen guten Pass als Krönung.

Wenn die erfolggewohnten Spieler dann zum x-ten Mal einem weniger sportlichen Spieler die Frisbee zuwerfen und dieser sie nicht fängt, dann kommt Frust auf. Die meisten reagieren darauf in der Anfangsphase mit lautem Schreien und Schimpfen.

Meine Co-Trainer und ich haben auf solches Verhalten konsequent sehr hart reagiert und an Spieler, die ihre Mitspieler angeschrien haben, unter Umständen sogar Zeitstrafen verteilt. Gleichzeitig erklären wir aber auch immer wieder: „Reg dich nicht auf, sondern ermutige. Sag deinem Mitspieler: ‚Kein Problem, beim nächsten Mal fängst du die Scheibe.‘“

Nach sieben Monaten ist es ein wahrer Genuss, den Kids zuzuschauen: Es wird ganz viel Lob und Ermutigung verteilt, angeschrien und geschimpft wird sich – zumindest auf dem Sportplatz – nur noch selten.

Lob und Ermutigung bewirken Wunder

7. Aus Rebellen werden Leiter

All die beschriebenen Punkte lassen die Spielerinnen und Spieler als Persönlichkeiten wachsen und reifen. Reife und Wachstum mündet schlussendlich ganz natürlich darin, für andere Verantwortung zu übernehmen und das selber Gelernte an andere weiterzugeben.

Vor einem Monat haben wir ein neues Training gestartet, in dem wir ganz bewusst die älteren Jugendlichen aus den verschiedenen Gruppen, also die 14 bis 17 jährigen, zusammenbringen. Wir haben ihnen von Anfang an deutlich gemacht: „Ihr seid zwar privilegiert, weil ihr jetzt ein zusätzliches Training erhaltet. Aber ihr tragt damit auch zusätzlich Verantwortung. Wir wollen nämlich, dass ihr das Gelernte an die jüngeren Spieler eurer Mannschaften weitergebt.“

Bereits jetzt, einen Monat später, setzen sie das um. In einem Dorf stehen diese älteren Jugendlichen sogar in den Startlöchern, um ein Training für Kinder zu starten. Mir macht es dabei besonders Freude, die Jugendlichen zu beobachten, die zu Beginn alles andere als kooperativ waren und nicht den Anschein machten, als ob sie sich um die jüngeren und schwächeren Teilnehmer der Gruppe scheren würden.

Es passieren beeindruckende Dinge, wenn die Energien, die vormals für Widerstand und Rebellion eingesetzt wurden, in Energien für Kooperation und für die Wahrnehmung von Verantwortung umgewandelt werden.

Zukünftige Leiter werden angeleitet

Zusammenfassung: SEL – Soziales und emotionales Lernen

In unserer Wissensgesellschaft wird immer mehr betont, dass es eben nicht nur auf das Wissen und die Hard-Skills, sondern auch auf Soft-Skills, also soziale Kompetenzen ankommt. Gerne wird dabei das SEL-Modell aufgeführt. Damit wird das soziale und emotionale Lernen in fünf Kategorien aufgeteilt.

Soziales und emotionales Lernen (SEL) durch Ultimate Frisbee

Durch das Vermitteln des Sportes Ultimate Frisbee und dem dazugehörigen Unterrichten der Selbstregulation ohne Schiedsrichter werden alle fünf Kategorien sehr stark gefördert. Ich fordere deshalb für den Irak und den Nahen Osten, wie auch für Deutschland und Europa: Mehr Ultimate Frisbee!

0 Kommentar

Dich könnte auch interessieren

Kommentiere diesen Beitrag