Das erste Ultimate-Frisbee-Turnier im Irak

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Nach unserem ersten Match als Ultimate-Mannschaft in Dohuk mit einem Team aus Erbil (den ausführlichen Bericht dazu gibt’s hier) hat deren Kapitän gesagt „Nächsten Monat kommen wir zu euch nach Dohuk.“ „Ihr seid herzlich willkommen“, gab ich zur Antwort. „Es warten dort einige Teenager-Mannschaften, die nur zu gerne zuschauen – und vorher selber spielen.“

Immense Vorfreude

Nach dem Match in Erbil habe ich mich also an die Vorbereitung für dieses große Event gemacht. Ich konnte kostenlos ein Stadion in Dohuk mieten; außerdem galt es Teams einzuteilen, Teamtrikots zu beschaffen, Busse für den Transport zu organisieren, viele Helfer einzuweisen – und natürlich mit den verschiedenen Mannschaften zu trainieren.

Ich habe dabei besonders den Fokus auf das Spielen ohne Schiedsrichter gelegt. Ich wollte nämlich vom ersten Spiel an die Kinder die Lösung für Fouls und andere Konflikte möglichst selbst finden lassen. Zusammen mit meinen Helfern habe ich also an ihrer Kommunikation gearbeitet und ihnen verschiedene Schritte der Konfliktlösung vermittelt: Die eigene Position ruhig darstellen, dem anderen zuhören, bei Uneinigkeit eine dritte Meinung einholen und ggf. einen Kompromiss finden.

Ich war begeistert, wie gut diese letzten Trainings vor dem großen Turnier liefen. Das anstehende Event hat alle Kinder immens motiviert. Im Jugendzentrum Dohuk hatten wir wochenlang mit gewalttätigen Auseinandersetzungen zu kämpfen. Doch das anstehende Turnier hat die Kinder dazu motiviert, sich wieder voll auf das Trainieren zu konzentrieren. Einen der ältesten und aggressivsten Jungen haben wir zum Kapitän der Mannschaft erklärt. Seitdem tritt er meistens als Konfliktlöser und nur noch selten als Unruhestifter auf.

Aber auch die Sportgruppen außerhalb Dohuks unter jesidischen Flüchtlingen haben mit der Ankündigung eines ersten Turniers noch mehr Fahrt aufgenommen. Für diese jesidischen Kinder ist ein solches Event nämlich etwas ganz Besonderes: Sie verlassen nur ganz selten das Flüchtlingscamp bzw. -dorf. Jetzt stand eine Busfahrt in die Stadt Dohuk und das Spielen in einem großen Stadion vor Zuschauern an. Zusätzlich hatte sich das Fernsehen angekündigt. Einige Kinder waren so aufgeregt, dass ich mir Sorgen machen musste, ob sie nachts noch schlafen oder sich in der Schule konzentrieren könnten.

Alle sind mit voller Konzentration bei den Trainings dabei

„Dein Gegenspieler ist nicht dein Feind“

Nach drei Wochen Vorbereitungen und intensivem Trainieren ist es dann endlich soweit: Überpünktlich kommen alle Teams im Stadion an. Die meisten von ihnen sehen sich gegenseitig zum ersten Mal. Ich habe ihnen natürlich immer wieder voneinander erzählt; jetzt beäugen sie interessiert diese anderen Kinder, die so wie sie selber seit vier Monaten Ultimate Frisbee spielen.

Vor dem Aufwärmen und Spielen rufen wir alle Kinder zusammen und lassen sie sich in einem großen Kreis hinsetzen. Ich gebe ihnen – übersetzt durch einen meiner Helfer – folgendes mit:

Die Menschen, gegen die ihr spielt, sind nicht eure Feinde. Aber selbst, wenn sie sich wie Feinde verhalten – liebt eure Feinde!

Jesus hat es einmal sehr radikal ausgedrückt „Es ist einfach diejenigen zu lieben, die einen selber lieben. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde! Wenn dir jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die linke hin.“

Wie sieht das konkret aus? Wenn dich jemand bewusst foult, dann revanchiere dich nicht, antworte nicht mit einem weiteren Foul. Bringe demjenigen, der dich gefoult hat, Wasser, trage Sachen für ihn, tu ihm etwas Gutes! Wenn das andere Team einen Punkt erzielt, dann sei nicht wütend mit ihnen oder mit dir selber. Lobe die anderen, spende Applaus für sie!

Ansprache vor dem ersten Spiel

Vorurteile überwinden

Dann geht’s los. Wir teilen das große Feld in zwei kleine auf, es finden also immer zwei Spiele parallel statt. In insgesamt sechs Spielen á 20 Minuten können so alle Teams gegeneinander spielen.

Alles läuft ohne große Verletzungen, Konflikte und sonstigen Komplikationen ab. Zusätzlich freue ich mich über die Entkräftigung von zwei Vorurteilen:

Zum einen wurde mir immer wieder gesagt, dass es schwierig sei, Kurden und Jesiden zusammen zu bringen. Es stimmt zwar, dass diese beiden Volksgruppen in ganz unterschiedlichen Welten leben, recht unterschiedliche Dialekte sprechen und sich nur selten begegnen. Heute kommen sie aber ohne Probleme zusammen. Wir als Erwachsene müssen nie in Konflikte eingreifen, die auf Grund von unterschiedlichen Volkszugehörigkeiten entstanden wären.

Zum anderen bin ich selber auf Grund meiner Erfahrungen in Jordanien mit dem Vorurteil in den Irak gekommen, dass Jungs und Mädchen nicht zusammen Sport machen können. Zu zwei Trainings kamen allerdings von Anfang an auch Mädchen. Diese Mädchen spielen jetzt ganz unbeschwert mit den Jungs. Das beste dabei: Das Team mit fünf Mädchen und nur vier Jungs gewinnt das Turnier deutlich!

Jungs und Mädchen spielen ohne Probleme zusammen

Ein Spiel mit ganz knappem Ausgang

Nach den Kindern sind wir Erwachsenen dran. Wir nutzen den gesamten Platz, um den sich die Kids und etwa 150 weitere Erwachsene versammeln. Es sind ein paar Eltern der Kinder und auch einige meiner Bekannten dabei, wie z.B. mein Sprachhelfer. Das ist schon ein besonders Gefühl, als Team Dohuk in Dohuk und vor Zuschauern gegen das Team aus Erbil zu spielen.

Es folgt ein intensives Match. Erbil ist diesmal deutlich besser, als bei unserem ersten Zusammentreffen. Wir aus Dohuk haben einen viel größeren Kader, wechseln deshalb nach jedem Punktgewinn alle Spieler aus. So kommen wir nur schwer in Schwung und können uns nicht wie beim letzten Mal absetzen.

Dohuk (in gelb-schwarz) gegen Erbil (in grünen Pakistan-Trikots – andere einheitliche Trikots gab’s gerade nicht 😉 )

Während des Spiels gibt es mehrere „Calls“, also durch Spieler angezeigte Fouls und sonstige Regeldiskussionen. Ich liebe diesen Sport gerade auf Grund dieses Systems: Die Spieler müssen Regelverletzungen selber anzeigen, untereinander diskutieren und zu einer Lösung finden. In drei Fällen sind wir Erwachsenen den Kindern am Spielfeldrand allerdings kein gutes Vorbild. Es wird nicht ruhig kommuniziert, sondern eher gestritten und geschrien.

Vor dem letzten Punkt steht es schließlich 9:9. Erbil erzielt den vermeintlichen Siegpunkt und fängt an zu jubeln. Einer unserer Spieler reklamiert jedoch, dass der Spieler die Frisbee-Scheibe gar nicht innerhalb der Endzone gefangen hätte. Ich wende mich an den Erbil-Kapitän und erkläre, dass es zumindest fair sei, über diese Unklarheit zu diskutieren. Das sieht er ein. Wir wiederholen den Punkt also. Am Ende steht es doch tatsächlich 10:9 für uns.

Die Kinder jubeln wie verrückt, wir als Erwachsenen fühlen uns dagegen fast schuldig für diesen Sieg. Aber immerhin: Die Erbil-Spieler sind ganz faire Verlierer, lamentieren nicht, sondern gratulieren uns zu einem tollen Spiel.

am Ende haben – wie schon beim letzten Mal – alle ein Lächeln im Gesicht

Ob nun Erbil oder Dohuk gewonnen hat, am Ende haben alle ein Lächeln im Gesicht. „Danke, dass ihr hier ward und zu diesem Tag beigetragen habt“, sage ich im Abschlusskreis. „Wir haben alle noch viel zu lernen – besonders was die Kommunikation und Selbstregulation betrifft.“

Alle Kinder stehen um uns herum und hören diese Botschaft. So hoffe ich, dass wir am Ende doch gute Vorbilder für die Kinder sind: Wir haben uns eingestanden, dass nicht alles gut gelaufen ist, wollen aber an uns arbeiten. Und das wichtigste: Trotz eines harten Wettkampfes und einigen Unstimmigkeiten gehen wir als Freunde vom Platz.

„Spirit of the Game“-Kreis – wir besprechen, was gut lief und wo wir uns verbessern können

Das alles ist hoffentlich erst der Anfang

Ich hoffe, dass durch diesen Bericht deutlich wird: Ich bin begeistert von diesem Tag und über die Ausmaße, die die Projektarbeit innerhalb kurzer Zeit angenommen hat. Doch ich will mich nicht auf diesen Ergebnissen ausruhen, sondern dieses Event als Anfang betrachten:

Ich will besonders die soziale Arbeit mit den verschiedenen Teams intensivieren. Gerade arbeite ich an einem zusammenhängenden Charakter- und Teambildungs-Programm. Meine Co-Trainer sehe ich dabei als Schlüsselpersonen. Auch sie sind durch das Turnier zusätzlich motiviert.

In Zukunft wollen wir alle Kinderteams einmal im Monat zu einem Turnier zusammenbringen. Ich hoffe, dass sich dadurch die Motivation auch über nächsten Monate hält und es gerade im Jugendzentrum friedlich bleibt. Die letzten zwei Wochen war das in jedem Fall so: Die Teenager sind auch nach dem Turnier zu den Trainings gekommen, sie tragen dabei voller Stolz ihre Teamshirts.

beim nächsten Training sind weiterhin alle motiviert – und in einheitlichen Teamshirts

Außerdem wollen wir weitere Gruppen starten. Einige der älteren jesidischen Jugendlichen würden gerne selber ein Training für Kinder starten. Gerade darin sehe ich Nachhaltigkeit: Menschen lernen einen neuen Sport kennen und bringen diesen nach kurzer Zeit weiteren Menschen bei. So wird hoffentlich auch noch Ultimate Frisbee im Irak gespielt, sollte ich das Land wieder verlassen. Und natürlich hoffe ich besonders, dass die jungen Trainer mit dem Sport auch die Werte und Worte weitergeben, die ich ihnen gerade vermittle.

Weitere Fotos vom Turnier gibt’s hier.

2 Kommentare

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2 Kommentare

Christoph 7. April 2021 - 12:57

Benni, ein ganz toller Bericht über ein außergewöhnliches erstes Turnier und hoffentlich der Beginn von noch vielen weitern Turnieren / Aktionen! Weiter so und Du kannst jetzt schon glücklich schätzen, was Du alles aufgebaut hast!

Antwort
Benczik 7. April 2021 - 13:06

Danke Christoph – auch für deine und eure Unterstützung.
Grüße nach München!

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