Fünf Jahre Frisbee im Irak – was gut war und was ich ändern will

In einigen Tagen verlasse ich den Nordirak, ich schaue auf fünf Jahre des Aufbaus eine Frisbee-Arbeit zurück.

Doch ich verlasse nicht auf Dauer das Land. Der Plan ist, im November mit neuem Vertrag und einer etwas anderen Ausrichtung zurückzukehren – ein guter Moment also, um zu evaluieren und Neues zu planen.

Was sich bewährt hat

Ultimate Frisbee hat sich bewährt! Das kann ich so allgemein und doch mit fester Überzeugung sagen.

Anfangs war ich skeptisch, ob der Sport gut im Irak angenommen werden würde. Jetzt blicke ich zurück und staune selber: Hunderte Kids, Teenager und Erwachsene haben den Sport für sich entdeckt, wir haben zahlreiche Coaches ausgebildet, die selbstständig Trainings anleiten, zudem haben in den letzten Jahren zahlreiche Ligen und Turniere stattgefunden und sich etabliert.

Noch spezieller würde ich aber folgende Dinge hervorheben:

  • Spirit first! Ich habe den Sport besonders wegen des Spielen ohne Schiedsrichters und des Spirit of the Game gewählt. In allen Trainings steht der Spirit und die Vermittlung des fairen Spielens an erster Stelle. Das hat sich ausgezahlt. Als Resultat daraus lässt sich der Gewinn des SOTG-Awards bei der MENA-Club-Championship 2024 und beim Jordan Ultimate Cup 2023 sehen.
  • Das Ausbilden junger Trainer und die frühe Verantwortungsübergabe war ebenfalls ein Erfolg. Wir haben eine große Gruppe von 15- und 16-jährigen, die bereits sehr selbstständig Trainings anleiten – und besonders dadurch selber als Spieler wachsen.
  • Alle Trainings sind geprägt durch ganz viel Zeit im Kreis – vor, während und nach den Trainings. In einem Flüchtlingscamp nehmen wir uns besonders viel Zeit nach dem Training, um zu reflektieren und Geschichten und Lebenszeugnisse zu erzählen. Das gibt gute Grundlagen für die eigentlichen Trainings.
Zeiten im Kreis bieten besondere Gelegenheiten, um über den Spirit of the Game und alles, was damit zu tun hat, zu reden.
  • In diesem Jahr habe ich das erste Mal Pick-up-Ligen ausprobiert, also Ligen mit zufällig zusammengewürfelten Teams aus erfahrenen und neuen Spielern. Das war ein voller Erfolg und hat allen extrem Spaß gemacht.

Was nicht so gut war

Daneben gab und gibt es zahlreiche herausfordernde Dinge:

  • In den ersten Monaten war ich überrascht: Als Coach in Europa war ich es gewohnt, schnell die Eltern der Kids kennenzulernen, sie blieben oft auch die ganze Zeit beim Training dabei. Ganz anders im Irak: Schnell hatten wir weit mehr als hundert Kids, die regelmäßig trainieren, es erschien aber fast nie ein Elternteil beim Sportplatz. Ich nahm das zunächst einmal so hin. Wenn aber Probleme aufkamen – besonders in der Schule – erlaubten die Eltern den Kindern oft nicht mehr zu diesen „von der Schule ablenkenden Aktivitäten“ zu kommen. Das hat mich manchmal extrem frustriert, im Nachhinein denke ich, dass ich mehr in die Elternarbeit investieren hätte sollen.
  • Damit verbunden ist das Frisbee-Spielen von Mädchen: Hier wird es ihnen oft (nicht immer) bis etwa zum Alter von 16 Jahren erlaubt, danach nicht mehr. Sie erscheinen dann von heute auf morgen und ohne eine Nachricht nicht mehr beim Training.
  • Besonders die Trainings mit jesidischen Flüchtlingen habe ich mit Spendengeldern unterstützt, sodass die Teilnehmer nur wenig selber zahlen mussten. Das hat sich in den letzten Jahren zunehmend geändert, weiterhin stelle ich aber eine gewisse finanzielle Erwartungshaltung fest. Wenn man einmal ein Training startet und teilweise die Platzmiete durch Spenden finanziert, ist es schwer, das im Nachhinein zu ändern.

Der Plan für die neue Laufzeit

Das alles führt mich zu einem Plan für neue Frisbee-Trainings. Wiederum gilt dabei: Die Ergebnisse der letzten Jahre sind toll, ich will nicht alles grundlegend ändern. Aber folgende Dinge scheinen mir sinnvolle Anpassungen:

  • Ich will den Jesiden, die in ihre Heimat Shingal zurückkehren, folgen. 2014 wurden sie von dort und durch den IS vertrieben. Die letzten fünf Jahre habe ich hauptsächlich mit ihnen in der Region Dohuk gearbeitet, musste allerdings monatlich zu mindestens einem Kind oder sogar Trainer „Tschüss“ sagen. Ich hoffe, dass die Arbeit in Shingal etwas mehr Beständigkeit bietet.
  • Viele Binnenvertriebene werden allerdings voraussichtlich auch die nächsten Jahre in der Region Dohuk bleiben, weil sie keinerlei Lebensgrundlage in Shingal haben. Ganz will ich die Arbeit im Norden also nicht aufgeben, sondern in zwei Flüchtlingscamps neue Trainings starten.
  • Ob Shingal oder Flüchtlingscamp: Überall scheint mir der Start von Art „Akademien“ sinnvoll. Ich stelle mir darunter folgendes vor:
    1. Der Start einer solchen Akademie wird im Voraus groß angekündigt.
    2. Bei zu vielen Interessenten führen wir ein Probetraining durch, wobei wir auf Sportliches und Soziales achten. Zudem präsentieren wir dabei einen klaren Zeitplan für das kommende Jahr mit einer Pick-up-Liga und regionalen Turnieren.
    3. Wir besuchen alle Häuser und Eltern und sprechen mit ihnen, bevor wir die Kinder auswählen und registrieren.
    4. Die ausgewählten Kinder und Jugendlichen zahlen als Anmeldegebühr einen etwas größeren Geldbetrag und zusätzlich einen kleinen Betrag pro Trainingseinheit.
    5. Von der Anmeldegebühr kaufen wir Mannschaftstrikots, die sie bei jedem Training tragen müssen.
    6. Es finden wöchentliche Trainings in mindestens zwei Gruppen (11–14 Jahre und 15+ Jahre) statt.
    7. Schnell werden einige der älteren Jugendlichen und Erwachsenen gebeten, beim Training der Kinder zu helfen.
    8. Längere Zeiten im Kreis nach den Trainingseinheiten sind fester Bestandteil des Trainingsalltags.
    9. Dabei vermitteln wir Regeln und Werte klar, die mit dem Tragen des Trikots verbunden werden; jemand, der das Trikot trägt, sollte ein Vorbild für Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit u.ä. sein.
    10. Der Kontakt zu Eltern wird am Anfang gesucht und aufrechterhalten. Möglich sind spezielle Events für Eltern oder Hausbesuche alle vier Monate. Auch die Kombination von Englisch- oder anderen Kursen mit dem Frisbee-Training ist vielleicht sinnvoll.

Ich lebe lange genug im Irak um zu wissen, dass man mit Plänen flexibel umgehen muss. Doch mit dem im Hinterkopf kann ich es kaum erwarten, die neue Laufzeit im November zu starten.


Meine Arbeit im Nordirak ist weiterhin durch Spenden finanziert. Durch meine Entsendeorganisation können von der Steuer absetzbare Bescheinigungen ausgestellt werden. Wenn Du meine Arbeit unterstützen würdest, melde Dich gerne für weitere Infos!

Außerdem an alle Ultimate-Frisbee-Spieler: Ich verteile regelmäßig Frisbee-Scheiben an unsere vielen Kids und will im November mindestens zwei Koffer mit Frisbees füllen. Falls Ihr welche übrig habt, kontaktiert mich ebenfalls gerne!

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